Kirche in Wenigenjena „Unserer Lieben Frau“ (Schillerkirche)


Marienkirche Wenigenjena, genannt Schillerkirche
Marienkirche Wenigenjena, genannt Schillerkirche
Sanierte Orgel der Firma Rudolf Böhme (1973)
Sanierte Orgel der Firma Rudolf Böhme (1973)
Medaillon mit Charlotte und Friedrich Schiller von Bildhauer Otto Späte (1898)
Medaillon mit Charlotte und Friedrich Schiller von Bildhauer Otto Späte (1898)
Lichterkirche, Triumphbogen mit Stahl-Glas-Konstruktion verschließbar
Lichterkirche, Triumphbogen mit Stahl-Glas-Konstruktion verschließbar
Gotischer Sakramentsschrein, Mitte 15. Jh.
Gotischer Sakramentsschrein, Mitte 15. Jh.

Historie

Das ostsaalische Wenigenjena ist als slawische Gründung möglicherweise älter als Jena. Zur Unterscheidung von „Groß“Jena erhielt es den Zusatz „wenigen“. Dieser kann als das kleinere Jena gedeutet werden; diskutiert wird auch die Ableitung von Wendischenjena als Charakteristikum der slawischen Siedlung. 

Die Kirche beeindruckt durch den prominenten Chor. Nur Klöster und größere Städte konnten sich bis dato solche mächtigen Chorpolygone leisten. In der heutigen Stadt Jena gibt es gleich drei mittelalterliche Kirchen mit dieser Besonderheit. Neben St. Michael (um 1400) wurde parallel auch an den Chören der Dorf- und Marienkirchen in Wenigenjena (um 1400) und Ziegenhain (ab 1424) gebaut. Am Bau dieser drei Kirchen war der bekannte Werkmeister der Region, Peter Heierliß, beteiligt (Steinmetzzeichen und stilistische Verwandtschaft). Außer dem hervorragend gearbeiteten Chorraum ist vom Langhaus nur die teilweise fertiggestellte Eingangspforte, die Schöne Pforte, zur Ausführung gekommen. Der ursprünglich geplante großartige Entwurf des Kirchenschiffes wurde reformationsbedingt nicht umgesetzt. Auf dem Fundament steht nur ein einfaches, verkürztes Langhaus, das in scharfem Kontrast zum Chor steht. Der Turm wurde ebenfalls nicht vollendet, sein Untergeschoss dient als Sakristei. Erst in der nachreformatorischen Zeit (1557) wurde das Gotteshaus in schlichter Ausführung fertiggestellt.

Die Kirche hatte einen Vorgängerbau aus dem 13. Jh., dessen Fundamente teilweise im heutigen Bau aufgingen. Der erste urkundliche Nachweis datiert vom 21. Juni 1307. Der Pfarrer von Wenigenjena (plebano in Parvo Jhen), Johannes - ein wichtiger Urkunden-Zeuge - war zugleich Propst von St. Michael. Erst aus dem Jahre 1382 existiert eine urkundliche Erwähnung des alten Gotteshauses. 

 

Innenausstattung

 Auch der Innenraum wurde vor der Reformation nicht vollendet. Hier erinnert der attraktive fialbekrönte Sakramentsschrein an die ehemalige spätgotische Ausstattung.  Mitten im Chor stand eine störende Holzsäule, die eine Flachdecke trug. Erst 1902 erfolgte die Wölbung des gotischen Chores. 

Ein Medaillon an der rechten Chorwand zeigt das Ehepaar Schiller. Ihren heutigen inoffiziellen  Namen verdankt die Marienkirche der Trauung des Dichterfürsten Friedrich Schiller und seiner Ehefrau Charlotte von Lengefeld am 22. Februar 1790. Für Schiller war es ein „kurzweiliger Auftritt… bei verschlossenen Türen“. Die Trauung vollzog der „Hilfsprediger“ Ehrhard Schmid, Sohn des damaligen Pfarrers an der Wenigenjenaer Kirche und Kollege des mager besoldeten außerordentlichen Professors Friedrich Schiller an der Philosophischen Fakultät. Bei der Trauung waren neben diesen drei Akteuren nur noch Schwester und Mutter der Braut anwesend. Ein wesentlicher Grund für die Wahl der Kirche abseits der Universitätsstadt bestand darin, dass Schiller den wein- und biergierigen Kommilitonen ein Schnippchen schlagen wollte.

Von 1796 bis 1834 war Karl Wilhelm Ernst Putsche Pfarrer von Wenigenjena, der in die Literaturgeschichte als „Verräter“ einging: Er musste am 14. Oktober 1806 den Franzosen, die in Wenigenjena lagen, den Weg durch das Rautal zum Schlachtfeld zeigen. Putsche erhielt von Napoleon Schadenersatz in Höhe von 8000 Francs für die Plünderung und Verwüstung von Pfarrhaus und Schule. Auch als Autor machte sich Putsche einen Namen. Er schrieb u. a. den „Taubenkatechismus“ mit nach fast 200 Jahren immer noch beeindruckenden farbigen Kupfertafeln von Taubenpaaren, gleiches zu den Kartoffeln, sowie das erste „Ökonomisch-technische Handbuch“. Darüber hinaus gab er Zeitschriften heraus. 

Am Ende der DDR-Zeit war das kirchliche Leben fast erloschen und das Kirchenschiff in einem katastrophalen Zustand, so dass der Triumphbogen zugemauert werden musste und nur noch der Chor für gottesdienstliche Zwecke zur Verfügung stand. Der damalige Bischof Ingo Braecklein schrieb 1980 ins Gästebuch: „Wir sind von dem Zustand des Verfallens betroffen“. Infolgedessen musste die 1973 eingebaute Orgel der Firma Rudolf Böhm (Gotha) ausgelagert werden.

 

Restaurierung

Nach der Wende erfolgte eine umfassende Sanierung des Gotteshauses: Der Triumphbogen wurde wieder eröffnet, das Kirchenschiff einschließlich Fußboden in Stand gesetzt, der Chorraum saniert, und endlich konnte 1997 auch die Orgel nach umfangreicher Renovierung neu geweiht werden. Im Jahre 2020 wurde der Fußboden repariert und vom Chormauerwerk der zerstörende Efeu entfernt.

 

Text: Gerhard Jahreis, Fotos: Günter Widiger